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Eine Schippe Geschichte

In dieser von verschiedenen Mitarbeitern übersetzten Reihe kann man in erster Linie ungeordnete Artikeln aus den WAWLI Papers finden. Die Reihe "Wrestling As We Liked It" stammt aus der Feder von J. Michael Kenyon, seines Zeichens einer der Wrestlinghistoriker mit der größten Fülle an Wissen. Die WAWLI Papers sind eine per e-Mail verschickte Onlinepublikation, mit der versucht werden sollte, bei den Wrestlingfans Interesse an einer Ära ihres Sports zu wecken, die schon lange zurückliegt und deshalb kaum noch Beachtung findet. Hier könnt ihr die 42 bisherigen Ausgaben unserer "Schippe Geschichte" nachlesen.
Kapitel

11. Dezember 1954: Nachlese zum Goldenen Westen
Nachlese zum Goldenen Westen
Erscheinungsdatum: 11. Dezember 1954
Autor: Thomas J. Cummins

Das Jahr 1954 konnte viele Veränderungen aufweisen, wobei nicht alle davon Verbesserungen bedeuteten. Vielleicht das Beste, was passiert ist, war Bobo Brazils Eintritt in unsere Ringszene in diesem Jahr. Dieser gigantische Kanadier, der knapp nach Neujahr aufgetaucht war und erst rund um den Thanksgiving-Tag [4. Donnerstag im November, Anm.] das erste Mal eine Niederlage in diesem Territorium einstecken mußte, war das Zünglein an der Waage zwischen Profit und Verlust vieler lokaler Promoter.

In einem Versuch, das Interesse voranzutreiben, erschufen die Promoter der Gegend zwei neue Titel – den International TV Champion und die International TV Tag Team Champions. Der erste Titel wurde im Zuge eines Turniers von Sandor Szabo gewonnen und dann später an Mr. Moto verloren. Moto mußte ihn dann an Wilbur Snyder abgeben, welcher ihn über ein Jahr hielt und ihn noch immer hält. Der Tag Team Titel wechselte so oft, daß es schwer überschaubar wurde, aber zur Zeit halten ihn Lord James Blears und Joe Pazandak.

Generell hab es einen bemerkenswerten Anstieg der Aktivität der Tag Team Szene, allerdings nicht in der Qualität der Teams. Keines der berühmten Teams kam in die Gegend, abgesehen von Layton und Blears, und nur Sandor Szabo-Wilbur Snyder, Snyder-Bobo Brazil, Al Lovelock-Tom Rice und ein, zwei andere schafften den Sprung aus der Mittelmäßigkeit.

Zu Beginn des Jahres gab es die ersten Amerikaweiten TV-Ausstrahlungen von Wrestling über das CBS Network, 13 aufeinanderfolgende Samstage hindurch. Laut den Offiziellen des Senders war das Fehlen eines Sponsors war der Grund dafür, daß die Serie wieder eingestellt wurde. Vor der Einstellung brachte diese Serie allerdings große Namen wie Lou Thesz, Don Eagle, Buddy Rogers und Baron Michele Leone, ebenso wie drei World Title-Verteidigungen. Einmal zeigten über 100 Stationen diese TV-Ausstrahlung.

Nach dem Fest kam dann der Hunger. Abgesehen von Brazil kam nicht ein einziges neues Gesicht in die Gegend – die gesamte Frühjahrs- und Sommersaison hindurch.

Der wunderbarste Bösewicht und Allrounder, der unsere Matten beehrte, war sicherlich Leslie Carlton, der Blondschopf, welcher alle unsere Lokalhelden Ende '53-Anfang '54 niederwalzte. Carltons Haß-Quotient war in etwa so hoch, wie ein Wrestler gerade noch unpopulär sein kann ohne daß die Fans zu einem Lynchmob werden. Er machte sich wieder aus dem Staub, nachdem ihm Bobo Brazil eindrucksvoll gezeigt hatte, wie der Hase wirklich läuft – etwas, das Bobo liebend gern mit Wrestlern macht, die von sich selbst glauben harte Kerle zu sein.

1954 war überhaupt ein ausgesprochenes „Heel-Jahr“, und die Bösewichte waren so ziemlich die einzigen Aufreger in dem ansonsten sehr langweiligen Wrestlingkalender.

Das Jahr war gekennzeichnet durch die Rückkehr von Leo Garibaldi als Vollzeitwrestler in den Ring. Leo schien erwachsener geworden zu sein in seinem Wrestlingkönnen, wobei er aber ein wenig von seinem burschikosen Auftreten und Draufgängertum verloren hatte. Eine ganze Zahl von jungen Talenten erschien hier im Jahr 1954, darunter Ray Stevens und Nick Bockwinkel, der Sohn von Warren Bockwinkel. Nick begann seine Karriere im Herbst des Jahres und schon nach ein paar wenigen Matches machte er den Eindruck eines echten Talents.

Kurz nach Neujahr verkaufte John J. Doyle, der seit neun Jahren Booker in dieser Gegend gewesen war, seine Anteile und übersiedelte um in andere –möglicherweise grünere– Gefilde. Im Spätherbst machte dann das Gerücht die Runde, daß er wieder zurückgekehrt sei oder bald zurückkehren wollte, aber dies wurde bislang nicht bestätigt.

Ein sensationeller junger Mann schaute für ein paar Monate herein und strafte unsere schönen Erinnerungen an Rito Romero und Black Guzmán beinahe Lügen. Es war Pedro Vargas aus Brasilien, der in den paar Wochen, die er hier wrestlete, eine Schnelligkeit und ein Können an den Tag legte, wie wir es seit den Tagen von Romero und Guzman nicht mehr gesehen hatten.

Im April wurden die TV-Übertragungen aus dem Ocean Park eingestellt, was das Wrestling im Fernsehen für das weitere Jahr auf zwei Abende die Woche aus der Los Angeles-Gegend reduzierte. Es wurde bald offensichtlich, daß sich die Einstellung des Fernsehens zum Wrestling verändert hatte, nachdem sich die Loyalität der TV-Fans verlagert hatte und der zahlende Kunde einmal mehr der Boss war.

Es ist schwierig, in einem Sport wie Wrestling Voraussagungen für die Zukunft zu treffen – einem Sport, in dem das Faninteresse von einem Abend zum anderen wechseln kann, oder wo ein einziger sensationeller neuer Athlet für einen oder zwei Abende das ganze Land in Aufruhr versetzen konnte, nur um kurz darauf wieder zu verschwinden wie eine Schneeflocke in einem Wintersturm.
 
 
 
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