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Eine Schippe Geschichte

In dieser von verschiedenen Mitarbeitern übersetzten Reihe kann man in erster Linie ungeordnete Artikeln aus den WAWLI Papers finden. Die Reihe "Wrestling As We Liked It" stammt aus der Feder von J. Michael Kenyon, seines Zeichens einer der Wrestlinghistoriker mit der größten Fülle an Wissen. Die WAWLI Papers sind eine per e-Mail verschickte Onlinepublikation, mit der versucht werden sollte, bei den Wrestlingfans Interesse an einer Ära ihres Sports zu wecken, die schon lange zurückliegt und deshalb kaum noch Beachtung findet. Hier könnt ihr die 42 bisherigen Ausgaben unserer "Schippe Geschichte" nachlesen.
Kapitel

17. April 1920: Ein Match, drei Stunden, vier Minuten
Ein Match, drei Stunden, vier Minuten
veröffentlicht in: New York Times
Erscheinungsdatum: 17. April 1920

Joe Stecher aus Nebraska ist immer noch World Champion. Im 71. Regiment Armory verteidigte er gestern Abend seinen Titel erfolgreich gegen Ed Lewis - und zwar in einem der spektakulärsten und strapaziösesten Kämpfe, die jemals in New York stattgefunden haben. Das Ende kam nach drei Stunden, vier Minuten und fünfzehn Sekunden sagenhaften Wrestlings, als Lewis seinen berühmten Headlock ansetzen wollte, der Champion ihn jedoch auf die Matte werfen und danach mit einer Kombination aus Headscissors und Armbar pinnen konnte. Es war die ganze Zeit ein absolut ausgeglichener Kampf und die Menge hat sich selbst immer heißer gebrüllt, nachdem ein sensationeller Move dem nächsten folgte.

In den letzten Minuten des Kampfes setzte Lewis seinen Headlock fünfmal in Folge an. Aber als die Kräfte des Champions zu weichen schienen, kämpfte er sich unter enormen Anstrengungen zurück und konnte sich den spektakulären Sieg holen. Wieder einmal war es die starke Beinarbeit des Titelträgers, die den Ausschlag gab. Vor allem zeigte sich dies bei der Headscissors mit dem kombinierten Armbar gegen Lewis, welche ihm letztlich den Sieg in diesem gewaltigen Dreistundenkampf einbrachte, obwohl zuvor das Ende für ihn immer wieder drohte.

Die beiden stiegen um 21:15 Uhr in den Ring. Der Champion sah sehr durchtrainiert und sehr fit aus in seinen roten Hosen, während der etwas fülligere Strangler die Farbe blau trug. Der sehr erfahrene George Bothner war wie immer der Ringrichter. Stecher ging die Sache sehr konzentriert und ernst an, versuchte seinen Kopf aus dem Gefahrenbereich zu halten und seine langen Beine sinnvoll einzusetzen. Der kleinere und um die Hüften breitere Lewis überraschte mit seinem Engagement und versuchte bereits frühzeitig in den In-Fight zu kommen. Zweimal war sein Arm in einem Griff zwischen Ellbogen und Rippen von Stecher gefangen, so dass sich Lewis nur durch geschicktes Herausdrehen befreien konnte. Einmal konnte er bereits zu Beginn seinen Headlock ansetzen, aber er konnte ihn nur kurz halten. Stecher glitt ohne große Anstrengung aus dem Haltegriff.

In der ersten halben Stunde war es ein offener Kampf, in dem beide immer wieder auf dem Ringboden lagen, sich aber aus jedem drohenden Unheil befreien konnten. Einmal fielen beide in einem wilden Rausch aus dem Ring und Stecher nutzte in seinem Eifer die gepolsterte Absperrung, um seine Headscissors anzusetzen. Kurz darauf gelang es ihm, seine Knie um den Oberkörper des Stranglers zu legen. Der Körperumfang war jedoch so enorm, dass er den Griff schon bald wieder lösen musste.

Wenige Minuten nach 22 Uhr konnte Lewis wieder seinen beliebten Headlock ansetzen, diesmal aber richtig. Beide gingen zu Boden und Menge jubelte, als die Qualen für Stecher immer größer wurden. Aber als es danach aussah, dass Stecher dem Druck nicht mehr länger standhalten könnte, konnte er seinen Kopf irgendwie herausziehen und war frei, auch wenn er sehr benommen wirkte. Den nächsten Vorteil konnte sich der Titelverteidiger nach viel Herumgerenne und einigen für beide Seiten sehr knappen Situationen sichern. In diesem Fall konnte er eine Armscissors ansetzen, welche Lewis mit einer Schulter auf die Matte brachte und die andere gefährlich knapp über den Ringboden drückte. Lewis konnte sich mit einigem Herumwirbeln und einigen Tritten losreißen. Beide waren bereits mehr als eine Stunde im Ring, als Lewis seinen Gegner abermals mit dem Headlock auf den Boden zwang und die Entscheidung suchte. Er hielt den Druck und rollte Stecher immer wieder von der einen auf die andere Seite, bis sie die Seile berührten und Stecher somit gerettet wurde. Kurze Zeit später befand sich Lewis wieder in der Headscissors, aber er konnte sich diesmal schnell befreien. Anschließend nahm er den Champion in einen Armlock, wurde jedoch mit einem schmerzhaften Toehold ausgekontert. Beide Wrestler schienen erleichtert, als diese Phase der Quälerei vorübergehend vorbei war und sich beide wieder erheben konnten. Der nächste Versuch des Stranglers galt einem Bein von Stecher. Er zog seinen Gegner durch den Ring, bis sich dieser mit einem Tritt befreien konnte.

Der Kampf schien zu Ende zu sein, als Stecher eine Körperschere ansetzte, sie über neunzig Sekunden halten konnte und dadurch schlimme Schmerzen bei seinem Gegner verursachte. Es war ein wahrer Kraftakt, der nötig war, ehe sich Lewis aus dem schlimmen Griff befreien konnte. Als Rache folgte zweimal sein Headlock sowie ein Toehold, aus welchem sich Stecher erst nach einem harten Tritt an den Nacken des Stranglers befreien konnte. Wenige Minuten später war der Herausforderer wieder im Vorteil, als eine Kombination aus Beinschere und Armlock ansetzen konnte. Aber Stecher konnte sich abermals daraus befreien, erst das Bein und anschließend die Arme. Der Champion revanchierte sich damit, dass er beinah den Arm von Lewis brach, als er einen Armlock ansetzte. Wieder rettete das Seil vor einem möglichen Ende.

Stecher quälte Lewis mit dessen eigener Medizin, als er einen Headlock ansetzen konnte. Doch Lewis konnte sich befreien, als er einmal mehr das Seil erreichte. Ein weiterer Headlock von Lewis wurde mit einer Headscissors gekontert und das Publikum schrie nach der Entscheidung, doch ohne Erfolg. In der nächsten halben Stunde war Lewis der bessere von beiden. Zunächst nahm er den Champion in einen Crotchhold und anschließend in eine Scissors nahe dem Seil. Stecher kam irgendwie zurück ins Match und konnte seine furchtbare Headscissors kombiniert mit einem Wristlock ansetzen. Wieder war der Herausforderer in einer misslichen Lage. Eine übermenschliche Anstrengung von Lewis befreite ihn schließlich aus dieser Kombination. Kurz nach Mitternacht befreite er sich abermals aus einem beinah entscheidungsbringenden Toehold. Es gab keinen Unterschied zwischen den beiden, als sie die Dreistundenmarke knackten und immer noch keine Ermüdungserscheinungen zeigten.

Kurz nachdem die beiden die Dreistundengrenze überschritten hatten, konnte Lewis gleich dreimal seinen Headlock ansetzen. Den Champion schienen die Kräfte zu verlassen, aber er befreite sich ein ums andere Mal und setzte sogar seine Körperschere an, welche Lewis fast den letzten Atem raubte. Lewis schaffte in einem letzten Kraftakt, sich letztmalig zu befreien und einen Headlock anzusetzen. Er wirbelte den Champion wie einen Hund durch den Ring.

Kaum hatte sich Stecher befreien können, war er auch schon wieder in dem tödlichen Griff. FünfMal innerhalb von wenigen Minuten. Diesmal inszenierte der Champion ein spektakuläres Comeback. Mit unglaublicher Kraft hob er Lewis hoch, als dieser immer noch den Headlock angesetzt hatte, und er warf den Herausforderer auf die Matte. Mit einem katzenartigen Sprung landete Stecher auf dem Kopf seines niedergesunkenen Gegners. Seine Beine schnappten zu, während seine Hände den ausgestreckten Arm von Lewis sicher packten. Es dauert nur einen kurzen Augenblick der Anstrengung, bis die Schultern des Stranglers unten waren und der Ringrichter Stecher auf den Rücken klopfte. Schon stürmte die wilde Menge den Ring, um die Titelverteidigung des World Wrestling Titel zu feiern.
 
 
 
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